Wie die Zacken vom Akkordeon
Zum 80. Geburtstag von Daniel Libeskind
Wie die Zacken vom Akkordeon
Zum 80. Geburtstag von Daniel Libeskind
Ursprünglich wollte Daniel Libeskind Musiker werden. Heute ist er weltbekannter Architekt und wird 80 Jahre alt. Stationen eines außergewöhnlichen Lebens.
Ursprünglich wollte Daniel Libeskind gar nicht Architekt werden, sondern Musiker. Als kleines Kind hatte er auf dem Akkordeon ein solches Talent erkennen lassen, dass man ihn 1953 als sechsjähriges „Wunderkind“ in einem der ersten polnischen Fernsehprogramme nach dem Zweiten Weltkrieg auftreten ließ.
„Wahrscheinlich bin ich der Architekt, der ich bin, weil ich nicht bei reichen Eltern aufgewachsen bin“, erzählte Daniel Libeskind jüngst dem SPIEGEL. „Viele Architekten haben eine andere Kindheit erlebt, wurden in Wohlstand und mit einer gewissen Weltgewandtheit groß. Ich nicht. Ich kannte als Kind keine Architekten, keine Ärzte, keine Anwälte. Ich kannte nur die Arbeiter, die in meiner Nachbarschaft wohnten.“
Seine Eltern waren Holocaustüberlebende, die Mutter Dora stammte aus Warschau, der Vater Nachman aus Łódź. Über 85 Mitglieder aus beiden Familien sind von den Nazis ermordet worden. Erst 1946 kehren sie ins polnische Łódź zurück. Daniel Libeskind wird geboren, als sie in einem Obdachlosenheim leben. Seine Mutter ist überzeugte Zionistin. Doch die Ausreise nach Israel wird ihnen erst 1957 gestattet. Nach zwei Jahren in Tel Aviv zieht die Familie nach New York, in die Bronx, in die Nähe von Nachmans Schwester, eine der wenigen Überlebenden aus seiner Familie.
„Wahrscheinlich bin ich der Architekt, der ich bin, weil ich nicht bei reichen Eltern aufgewachsen bin“, erzählte Daniel Libeskind jüngst dem SPIEGEL. „Viele Architekten haben eine andere Kindheit erlebt, wurden in Wohlstand und mit einer gewissen Weltgewandtheit groß. Ich nicht. Ich kannte als Kind keine Architekten, keine Ärzte, keine Anwälte. Ich kannte nur die Arbeiter, die in meiner Nachbarschaft wohnten.“
Seine Eltern waren Holocaustüberlebende, die Mutter Dora stammte aus Warschau, der Vater Nachman aus Łódź. Über 85 Mitglieder aus beiden Familien sind von den Nazis ermordet worden. Erst 1946 kehren sie ins polnische Łódź zurück. Daniel Libeskind wird geboren, als sie in einem Obdachlosenheim leben. Seine Mutter ist überzeugte Zionistin. Doch die Ausreise nach Israel wird ihnen erst 1957 gestattet. Nach zwei Jahren in Tel Aviv zieht die Familie nach New York, in die Bronx, in die Nähe von Nachmans Schwester, eine der wenigen Überlebenden aus seiner Familie.
Ich kannte als Kind keine Architekten, keine Ärzte, keine Anwälte. Ich kannte nur die Arbeiter, die in meiner Nachbarschaft wohnten.Daniel Libeskind
Daniel Libeskind spielt weiter Akkordeon und erhält ein Stipendium. Mit 13 Jahren tritt er in der Carnegie Hall auf, studiert Musik und wird professioneller Akkordeonist. Gleichzeitig besucht er einen Kurs für technische Zeichner an der Bronx High School of Science: „Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zeichneten wir damals fast ausschließlich Waffen und Flugzeuge“, erzählte er 2016 der ZEIT. „Mein erster Entwurf galt einem Bunker für den Fall eines Atomkrieges, ein düsteres, apokalyptisches Projekt.“ Schließlich studiert er Architektur, erst an der Cooper Union, dann an der University of Essex in England.
Seine Frau Nina hatte er bereits in der Jugend auf einem Sommercamp kennengelernt, sie heirateten 1969. Bis heute sind sie ein unzertrennliches Paar. Nina stammt aus einer Politikerfamilie. Sie ist nicht nur Gründungspartnerin vom Studio Libeskind 1989 in Westberlin, sondern auch der organisatorische und durchsetzungsstarke Mastermind hinter ihrem künstlerischen Gatten. Der SPIEGEL schrieb 2004: „Nina Libeskind schützt ihn [Daniel] vor der Welt, sie ist immer dabei, man spricht in der Architekturwelt von ‘den Libeskinds’. Sie sind seit 35 Jahren verheiratet, sie haben drei Kinder, ähnliche Frisuren und Anzüge, auch Nina Libeskind lächelt viel, aber man würde sich nicht wundern, wenn sie irgendeine asiatische Kampfsportart beherrschte.“
Seine Frau Nina hatte er bereits in der Jugend auf einem Sommercamp kennengelernt, sie heirateten 1969. Bis heute sind sie ein unzertrennliches Paar. Nina stammt aus einer Politikerfamilie. Sie ist nicht nur Gründungspartnerin vom Studio Libeskind 1989 in Westberlin, sondern auch der organisatorische und durchsetzungsstarke Mastermind hinter ihrem künstlerischen Gatten. Der SPIEGEL schrieb 2004: „Nina Libeskind schützt ihn [Daniel] vor der Welt, sie ist immer dabei, man spricht in der Architekturwelt von ‘den Libeskinds’. Sie sind seit 35 Jahren verheiratet, sie haben drei Kinder, ähnliche Frisuren und Anzüge, auch Nina Libeskind lächelt viel, aber man würde sich nicht wundern, wenn sie irgendeine asiatische Kampfsportart beherrschte.“
In seinem zweiten Berufsleben wird Daniel Libeskind Architekturtheoretiker und Akademiker, der Literatur, Musik und Kunst in seine Lehre einbezieht. Von 1978 bis 1985 ist er Dekan für Architektur an der Cranbrook Academy of Art in Michigan. Er lehrt in Chicago, London, Kopenhagen und Yale. 1986 gründet er in Mailand ein privates Institut für Architektur und Urbanismus, Architecture Intermundium, das er als Plattform zwischen Theorie und Praxis beschreibt. Dann wird er vom Westberliner Senat überraschend zum Wettbewerb für die „Jüdische Abteilung“ des Berlin-Museums eingeladen – und gewinnt.
So wird er in seinem dritten Berufsleben doch noch Architekt: Die Libeskinds ziehen nach Berlin und setzen durch, dass der Entwurf für das Jüdische Museum auch tatsächlich gebaut wird. Am 8. September 2001, drei Tage vor den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York, wird er eröffnet.
So wird er in seinem dritten Berufsleben doch noch Architekt: Die Libeskinds ziehen nach Berlin und setzen durch, dass der Entwurf für das Jüdische Museum auch tatsächlich gebaut wird. Am 8. September 2001, drei Tage vor den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York, wird er eröffnet.
Die Gleichzeitigkeit der Fertigstellung des Jüdischen Museums in Berlin und der Terroranschläge in den USA sind für die Libeskinds Auslöser, um die lange geplante Rückkehr nach New York umzusetzen. Das Büro ist längst international etabliert, das Museum in Berlin hatte schon während seiner Bauzeit international für Furore gesorgt. Und sein nicht realisiertes IBA-Projekt „City Edge/Stadtkante“ war in der epochemachenden MoMA-Ausstellung „Deconstructivist Architecture“ neben Frank Gehry, Peter Eisenman, Zaha Hadid und Bernhard Tschumi zu sehen.
In den 2000ern werden große Projekte auf der ganzen Welt wie am Fließband fertig: das Imperial War Museum in Manchester 2001, das Jüdische Museum in Kopenhagen 2003, ein Wohnungsbauprojekt in Mailand 2004, ein Konferenzzentrum in Israel 2005, die Erweiterung des Denver Art Museum 2006, das Royal Ontario Museum 2007, das Contemporary Jewish Museum in San Francisco 2008, ein Einkaufs- und Unterhaltungszentrum in Las Vegas 2009, das Bord Gáis Theatre in Dublin 2010.
2003 gewinnt das Büro den städtebaulichen Masterplan zum Wiederaufbau von Ground Zero. Wie der Entwurf in den nächsten Jahren verändert wurde, und wie letztlich auch Libeskinds Freedom Tower als zentrales Element durch das One World Trade Center von David M. Childs ersetzt wurde, ist eine eigene Geschichte. Für das Büro der Libeskinds bedeutet das jedoch keinen Einbruch, im Gegenteil.
In den 2000ern werden große Projekte auf der ganzen Welt wie am Fließband fertig: das Imperial War Museum in Manchester 2001, das Jüdische Museum in Kopenhagen 2003, ein Wohnungsbauprojekt in Mailand 2004, ein Konferenzzentrum in Israel 2005, die Erweiterung des Denver Art Museum 2006, das Royal Ontario Museum 2007, das Contemporary Jewish Museum in San Francisco 2008, ein Einkaufs- und Unterhaltungszentrum in Las Vegas 2009, das Bord Gáis Theatre in Dublin 2010.
2003 gewinnt das Büro den städtebaulichen Masterplan zum Wiederaufbau von Ground Zero. Wie der Entwurf in den nächsten Jahren verändert wurde, und wie letztlich auch Libeskinds Freedom Tower als zentrales Element durch das One World Trade Center von David M. Childs ersetzt wurde, ist eine eigene Geschichte. Für das Büro der Libeskinds bedeutet das jedoch keinen Einbruch, im Gegenteil.
In den 2010er Jahren geht es weiter: eine Gruppe Hochhäuser in Busan, eine Gruppe in Singapur, ein Hochhaus in Mailand, eines in Vilnius, eines in Warschau. Es kann einem schwindlig werden, alleine vom Betrachten der Bilder mit all den stürzenden Linien, all den dramatischen Ecken und Winkeln. Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden, das Ogden Center für die Uni in Durham, England, den Kö-Bogen in Düsseldorf – und immer wieder Gebäude für die Jüdische Geschichte und Erinnerungsorte an den Holocaust wie in Ottawa, Amsterdam oder in Columbus, Ohio. Ja, erinnern nicht immer wieder einige der Gebäude an die dynamische Zickzacklinie eines Akkordeon-Balges?
Bisweilen wirkt es, als ob der Spätberufene die Jahre als Musiker aufholen möchte: Als das Jüdische Museum in Berlin eröffnet wird, ist Daniel Libesking bereits 55 Jahre alt. Das ist selbst bei Architekten keine Jugendzeit mehr. Umsomehr scheint er am Wilden festzuhalten, am dramatisch Zugespitzten und scharfkantig Gebrochenen. Die „Tyrannei des Rasters“ bleibt ihm unerträglich, wie er in seiner Autobiographie schreibt: „Ständig kämpfe ich dagegen an: Gebäude, die wie ein Schachbrett entworfen sind, mit sich wiederholenden Baukörpern, die alle in die gleiche Richtung marschieren. Aber im Leben geht es nicht um marschierende Raster.“
Bisweilen wirkt es, als ob der Spätberufene die Jahre als Musiker aufholen möchte: Als das Jüdische Museum in Berlin eröffnet wird, ist Daniel Libesking bereits 55 Jahre alt. Das ist selbst bei Architekten keine Jugendzeit mehr. Umsomehr scheint er am Wilden festzuhalten, am dramatisch Zugespitzten und scharfkantig Gebrochenen. Die „Tyrannei des Rasters“ bleibt ihm unerträglich, wie er in seiner Autobiographie schreibt: „Ständig kämpfe ich dagegen an: Gebäude, die wie ein Schachbrett entworfen sind, mit sich wiederholenden Baukörpern, die alle in die gleiche Richtung marschieren. Aber im Leben geht es nicht um marschierende Raster.“
...im Leben geht es nicht um marschierende Raster.Daniel Libeskind
Man sieht es an den aktuellen Projekten des Büros, ob in China und Südkorea, in Frankfurt am Main oder in Ulm, in Lissabon, Jerusalem oder in Issy-les-Moulineaux. Neben Nina und Daniel Libeskind sind auch Carla Swickerath (seit 1999) und Stefan Blach (seit 1992) schon lange Partner im Studio Libeskind.
Die Kritik, dass das Studio Libeskind den wilden Dekonstruktivismus der Anfangsjahre zu einem profitablen Markenprodukt entwickelt hätte, begleitet das Studio von Anfang an – „One Hit Wonder?“ fragte unter anderem Ulf Meyer hier im BauNetz in einem Kommentar zum 60. Geburtstag von Daniel Libeskind.
Die Kritik, dass das Studio Libeskind den wilden Dekonstruktivismus der Anfangsjahre zu einem profitablen Markenprodukt entwickelt hätte, begleitet das Studio von Anfang an – „One Hit Wonder?“ fragte unter anderem Ulf Meyer hier im BauNetz in einem Kommentar zum 60. Geburtstag von Daniel Libeskind.
Es wäre eine abendfüllende Diskussion, welcher der Entwürfe die intellektuelle Schärfe und emotionale Vielschichtigkeit der ersten Projekte – das Jüdische Museum, das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück oder die nicht realisierten Entwürfe für den Potsdamer oder den Alexanderplatz – erreichen konnte. Für heute aber begnügen wir uns mit einem ehrlich vergnügten Happy Birthday, Daniel Libeskind.
Zum Thema
Bis 1. November 2026 läuft im Jüdischen Museum Berlin die Ausstellung „Between the Lines. Daniel Libeskind und das Jüdische Museum Berlin“.
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Kommentare
lieber libes
Ganz ehrlich, ein großes Danke an Daniel Libeskind für den Furor der ersten Projekte, was hätte ich den Alexanderplatz gerne nach seinen Plänen umgebaut gesehen statt nach Kollhoffs "marschierendem Raster".... auch wenn sich die Markensprache des Büros danach in seine eigene Parodie verwandelt hat, das ist mir egal, diese ersten Entwürfe sind sooo gut gewesen. Für mich ein echtes Aha-Erlebnis im gerasterten ArchitetkurDschungel des Nachwende-Berlins. Zufügen möchte ich: Libeskind war einer der wenigen Architekten, der nicht einfach die Klappe gehalten hat, sondern immer wieder öffentlich gesagt hat, dass die Stimmann-Linie der 1990er langweiliger Nonsens war. Damit hatte er Recht.
lutzinger
und "Libesking" ist ein sehr, sehr schöner Tippfehler. Den nehm ich mit und geb' ihn nicht mehr her.
Arcseyler
Raum als Verletzung, herausgemessert aus der Materie, dem Körper, der als Fragment zurückbleibt. Eine gewalttätige Reduktion und eigenständige Spielart der Raumgewinnung.
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